Der digitale Gastgeber des Schwedischen Tagebuchs hat zur Zeit offensichtlich ein Problem. Dass die U-Umlaute zu Y-Umlauten werden, liesse sich ja zur Not noch hinnehmen. Aber dass meine Eingangs-Seite mit E-cirkumflexen vollgekleistert worden ist, nehme ich schon ein bischen übel. Verzweifelt versuche ich, das Beschwerde-Link zu dr¨cken, aber man teilt mir mit, dass dieser Server keine Connections akzeptiere. Geige Säue! Anscheinend haben also noch mehr Tripod-Klienten ein derartiges Problem. Und das tröstet mich ja doch ein bischen. 17. Mai 2000

Lass mein Knie, Joe

Ich bin jetzt schon so lange in Schweden, dass ich mich so richtig daran gewöhnt habe, wie angenehm es ist, wenn man im Pendeltåg ein Sechserabteil ganz für sich allein hat und sich bequem diagonal hinflezen kann.

Nun herrscht, wie ich schon vor längerer Zeit erwähnt habe, im Pendeltåg strenge Geschlechtertrennung, ähnlich wie in den iranischen Moscheen, die Damen auf der einen, die Herren auf der anderen Seite, Kleinkinder sitzen bei ihren Müttern. Es kommt daher nur sehr selten vor, dass mangels männerfreier Sitzgelegenheit eine charmante Dame sich mir gegenüber setzt. Und sollte dies doch einmal geschehen, dann macht sie sich meistens so dünn wie ein erschreckter Vogel, sie kontraktiert ihre physischen Dimensionen infinitesimal dem Nullpunkt entgegen, ähnlich dem Schwarzen Loch, um nur ja die Summe der Abstände zur sie umgebenden feindlichen Männerwelt so groß wie möglich zu halten.

So viel Mißtrauen ist zwar etwas bedauerlich, aber bei weitem nicht so lästig wie der gegenteilige Fall. Und hier sind es vor allem die älteren Herren, die manchmal geradezu aufdringlich werden. Wobei ich mit Alter übrigens keineswegs das gerontologische Alter meine, sondern vielmehr den Grad der geistig-körperlichen Schwedisierung. Meßbar zumeist an der Einebnung der geometrischen Strukturen rund um die Kinnpartie. Alte Schweden, würde Wallenstein gesagt haben.

Diese alten Schweden kommen dann zusammen mit ihrem Freund, dem Kompis, und entwickeln eine derart erdrückende Geselligkeit, dass ich manchmal fast schon zuviel kriegen könnte. Der eine quetscht mich dann mit seinem Steiß an die Seitenwand, während der andere seine Knie an meinen Knien abstützt. Da hilft es mir dann auch nichts, wenn ich mich kerzengerade in die äusserste Ecke setzt, und die Beine platzsparend übereinander schlage. Ich warte nur darauf, dass sich irgendwann mal einer auf meinen Schoß setzt.

Natürlich ist es dann aus mit in Ruhe ein Buch lesen. Mir blieb heute früh nichts anderes übrig als Mäuschen zu sein und der Konversationen über mein Knie hinweg zuzuhören.

"Ich habe Essen gekauft."
"Yo Hoo."
"Ich war bei ICA."
"Ja Soo."
"Dort habe ich Essen gekauft."

Wer es sich zum Prinzip gemacht hat, andere Leute zu zerquetschen, der muss nat¨rlich dem Kauf von Lebensmitteln einen gewissen Stellenwert eiunräumen.

Um wieviel glücklicher sind da die Norweger!

Ich weiss nicht, ob sich alte Norweger an Zutraulichkeit von alten Schweden unterscheiden, aber sie haben entschieden mehr Platz um sich nach Herzenslust auszubreiten. Die Tunnelbana von Oslo gleicht in der Bauart auf das Haar der von Stockholm, die gleichen Farben, die gleichen Türen, der gleiche Bezug auf den Sitzen - aber es gibt einen Unterschied: die Sitze sind alle um die Hälfte breiter. Die ganze U-Bahn ist breiter, und wahrscheinlich ist dann auch die Spur der U-Bahn-Schienen breiter. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich jedoch während meines Aufenthalts letzten Sommer in Oslo auf dem Urinoir im Keller des Osloer Ratshauses. Fragt mich bitte nicht, was ich dort zu suchen hatte, aber es war jedenfalls äußerst luxuriös. Für jeden Bedürftigen eine gewölbte Prozellanwand, zwei Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Wen also je in Oslo ein dringendes Bedürfnis befallen sollte, dem kann ich nur das norwegische Ratsherren-Urinoir empfehlen. Ich weiss natürlich nicht, wie es bei den Damen aussieht, aber ich hoffe doch, dass man auch dieser Frage gebührenden Raum zugewiesen hat.